Lernen und Instabilität

Störe meine Kreise nicht...

Auszugsweise Veröffentlichung dieses Artikels mit freundlicher Genehmigung durch SolAgent Media AG, Basel

Quelle: Doering, Waltraut und Winfried Doering: Störe meine Kreise nicht..., Modernes Lernen 2002, ISBN: 3861452294

Katja Vittinghoff, Silke Katterbach

Entwicklung durch Störung - Die Bedeutung von Instabilität in Lernprozessen

"Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum"
Goethe

Wenn wir morgens aufstehen, verlassen wir uns darauf, dass unsere Welt noch so ist, wie wir sie am Abend zuvor verlassen haben. Auch wenn wir im Schlaf andere Realitäten entworfen haben, die uns z.T. ebenso „echt” vorkamen wie unser alltägliches Leben, ist mit dem Erwachen klar: Wir leben nur richtig in der wachen Welt. Dort haben wir uns schließlich über eine lange Zeit eine kuschelige, bekannte und weitestgehend vorhersehbare Realität geschaffen, die uns immer wieder mit der ruhigen Gewissheit einschlafen lässt, dass alles auch morgen noch so sein wird, wie wir es kennen.

Natürlich sind wir daran gewöhnt, Vorhersehbares zu mögen und einmal lieb gewonnene Meinungen aufrecht zu erhalten. Besonders in emotional herausfordernden Situationen sind wir dankbar für jede Gelegenheit, schnell zu eindeutigen und stabilen Interpretationen zu gelangen, die uns darin bestätigen, dass unsere Wahrnehmung und Meinung richtig und wahr ist. Und wehe dem, der uns in unserer Sichtweise zu stören vermag...

In der neueren physiologischen Forschung (z.B. Kelso) wird die Tendenz zu stabilitätsorientierter Wahrnehmung als Hysterese bezeichnet (griechisch: Hysteron-Proteron: das Spätere (ist) das Frühere). Das Faszinierende an diesem Konzept ist die differenzierte Beschreibung unserer Wahrnehmungsvorgänge, die uns so loyal an unserer gewohnten Wahrnehmung festhalten lassen. Bildet sich erst einmal eine stabile Bedeutungszuschreibung heraus, fällt es uns schwer, wieder von ihr abzulassen, um einer, vielleicht angemesseneren Interpretation Platz zu machen.

[...]

Persönliche Überzeugungen können sich erstaunlich hartnäckig und stabil halten und sich auch gegenüber den besten Argumenten langfristig behaupten. Anekdoten und Witze spielen auf brillante Weise mit dieser Fähigkeit, die auch leicht zum Hemmschuh werden kann. Und wir empören uns nur allzu schnell über Personen, deren Sichtweise so gar nicht zu der unseren passen will. So etwas wie „Fehldeutungen” könnte uns natürlich nie passieren. Denn wir nehmen ja richtig wahr, oder?

Ein Mann glaubt seit langem er sei tot. Alle Überzeugungsversuche von Freunden und Verwandten schlugen bisher fehl. Schließlich schickt ihn seine Frau zum Arzt, in der Hoffnung, dass er dort die Einsicht über sein Lebendigsein erlange. In der Praxis angekommen lauscht unser besagter Mann geduldig den Ausführungen des Arztes, der eloquent über Atemfunktion und Körpertemperatur referiert. Doch es hilft nichts. Schließlich fragt er seinen Patienten: „Sagen Sie mal, glauben Sie eigentlich, dass Tote bluten können?” Der Mann entgegnet spontan: „Natürlich nicht!” Daraufhin greift der Arzt geschwind zur Nadel, holt aus und sticht dem Mann in den Finger. Der Finger blutet und der Arzt fragt siegesgewiss: „Und? Was sagen Sie jetzt?” Der Mann antwortet: „Ich habe mich getäuscht - Tote bluten doch!”

Im Mittelpunkt unserer Veranstaltung im Symposium standen Grundannahmen der Selbstorganisationstheorie und wie dieses Modell für unseren therapeutischen Alltag genutzt werden kann. Das persönliche Erleben von Irritation stand als Voraussetzung für Veränderung und Lernen im Vordergrund. In Kleingruppen konnten kreative Formen der Destabilisierung ausprobiert werden. Auch die Erfahrung, dass Instabilität ein natürlicher Bestandteil unserer Alltagskommunikation ist, konnten die Teilnehmerlnnen bewusst wahrnehmen - und hatten sichtlich Spaß dabei, zu irritieren und offen zu sein für neue Erfahrungen.

Schnell wurde deutlich, dass Irritation und Mehrdeutigkeit eher die Regel, als die Ausnahme darstellt. Bei aller Tendenz zur Stabilität und Eindeutigkeit, sind wir von Mehrdeutigkeiten geradezu verfolgt. Unsere Alltagskommunikation ist gespickt mit potenziellen Missverständnissen. „Ich habe endlich für meinen Sohn ein neues Fahrrad bekommen!" ruft Ihnen der Nachbar über den Gartenzaun zu. „Da haben Sie aber einen guten Tausch gemacht!” ist Ihre wohlgemeint freundliche Antwort. Wundern Sie sich bitte nicht, wenn Sie von nun an Veränderungen in der Beziehung zu Ihrem Nachbarn feststellen...

Abbildung 3

Für die konkrete Veränderungsarbeit mit Klientinnen und Klienten wurde in unserem Workshop besonders die Bedeutung des richtigen Timings und der Balance von Destabilisierung und Stabilisierung hervorgehoben. Es können vier Phasen der Intervention beschrieben werden (siehe auch Abbildung 3):

  1. Orientierungsphase
    Inwieweit besteht die Möglichkeit, das Klientensystem gezielt und umfeldverträglich zu irritieren? Wie stabil ist die Arbeitsbeziehung? Welche abrupte Verhaltensänderung auf Therapeutenseite unterscheidet sich deutlich genug vom bisherigen Kommunikationsmuster und bietet sich für eine Irritation an?
  2. Irritationsphase
    Eine gezielte und kurzfristige Destabilisierung des Bekannten schafft den fruchtbaren Boden für den nachfolgenden lösungsorientierten Impuls, z.B. durch eine abrupte Veränderung in der Lautstärke, der Sitzhaltung, oder durch einen schnellen Wechsel des Inhalts.
  3. Impulsphase
    Eine gelungene Irritation ist gut erkennbar durch non-verbale Hinweise, wie z.B. verlangsamte Sprache, sprachliche Aussetzer u.s.w. Oft dauern diese Phasen der Irritation nur sekundenlang. Es gilt also prompt, unseren Impuls in Richtung Lösung anzubieten, so dass sich die Aufmerksamkeit, und damit die Energie des Klientensystems, auf mögliche Lösungen richtet.
  4. Stabilisierungsphase
    Unmittelbar nachfolgende lösungsorientierte Fragen und eine differenzierte Zielbeschreibung vertiefen und stabilisieren die oft neue Orientierung in Richtung Zukunft und Lösung.

Betrachten wir unsere Veränderungsarbeit in Bezug auf Stabilität und Instabilität, verlieren einige unserer gewohnten Bewertungen an Bedeutung. Die bekannten Polarisierungen im Sinne von richtigen oder falschen Wahrnehmungen (und damit verbunden richtigem oder falschem Verhalten) werden abgelöst durch die Frage, wann und wie genau etwas hilfreich ist und für die angestrebten Ziele als förderlich erlebt wird. In Psychotherapie und Beratung eröffnen sich dadurch neue Handlungsspielräume und Möglichkeiten, die sich weniger am Problem, als vielmehr an möglichen Lösungen orientieren.

Viele unserer liebgewonnenen Vorstellungen von Therapie werden dadurch über den Haufen geworfen. So würden z.B. nicht mehr vornehmlich die sogenannten Ergebnisse den Erfolg einer Intervention oder einer Therapie definieren. Vielmehr würde der Weg dorthin, also die Art und Weise, wie das Klientensystem neues Verhalten entwickeln und stabilisieren konnte, Auskunft über den Beratungserfolg geben. Therapeutlnnen sind demnach in ihrer persönlichen Prozesskompetenz gefordert (siehe Abbildung 4). In der Arbeit mit Klientlnnen steht nicht mehr das Problem an sich und das Verständnis des Therapeuten im Vordergrund, sondern eine kundenorientierte Interaktion zwischen Klientln und Therapeutln.

[...]

 

Sie möchten weiterlesen?

Katja Vittinghoff, Silke Katterbach (2002): Entwicklung durch Störung - Die Bedeutung von Instabilität in Lernprozessen, in: Doering, Waltraut und Winfried: Störe meine Kreise nicht..., Modernes Lernen, 2002, ISBN: 3861452294